Arbeitsbevölkerung schrumpft immer schneller
Die schlechte Nachricht zuerst: Der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung in Deutschland schrumpft immer schneller. Gleichzeitig steigt der Anteil der über 65-jährigen Ruheständler signifikant. Die gute: "Die Politik hat in den vergangenen Jahren durch Sozial-Reformen wichtige Weichen richtig gestellt", sagt Commerzbank-Volkswirt Dr. Ralph Solveen. "Diesen Weg muss die Politik konsequent und beschleunigt weiter gehen, um die negativen Effekte der Bevölkerungs- und Beschäftigtenentwicklung zu vermindern."Damoklesschwert Demographie: In nur zehn Jahren bis 2020 werden nach Zahlen des Statistischen Bundesamts zwischen 3,2 bis 3,7 Prozent weniger Menschen als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen als derzeit (2009: 52,3 Millionen). Bis zum Jahr 2030 schnellt dieses Minus nach heutigem Stand auf 11,8 bis 14 Prozent hoch. Gleichzeitig steigt die Zahl der Ruheständler deutlich. Im laufenden Jahrzehnt wird der Anteil der über 65-jährigen zunächst moderat von heute knapp 20 Prozent bis 2020 auf 22 Prozent der Bevölkerung zulegen. Im nächsten Jahrzehnt beschleunigt sich diese Entwicklung, weil die geburtenstarken 1960er Jahrgänge ("Baby-Boomer") das Rentenalter erreichen. 2030 wird der Anteil der über 65-jährigen dann bei über 27 Prozent liegen und danach weiter schnell wachsen.
Per Saldo heißt das: Nach einem oberen negativen Szenario hat Deutschland im Jahr 2030 ein Verhältnis von rund 45 Millionen potenziell Beschäftigten zu 32 Millionen Menschen, die nicht im erwerbsfähigen Alter sind – Kinder, Jugendliche und Ruheständler. Verhältnis: 58 zu 42 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Zum Vergleich: Heute liegt dieses Verhältnis bei 52,3 Millionen potenziellen Arbeitskräften zu 29,4 Millionen Menschen im Alter unter 18 oder über 65 Jahren – ein Verhältnis von noch 64 zu 36 Prozent.
Risiken verringern, Reformen weiterentwickeln – Drei Beispiele
Die Folgen dieser Zwickmühle aus sinkender Arbeitsbevölkerung und steigendem Anteil an Ruheständlern sind groß: Der Staat nimmt immer weniger Einkommensteuern ein, die Sozialkassen weniger Beiträge. Gleichzeitig steigen zumindest bei der Renten- und Krankenversicherung die Ausgaben dramatisch an, die Defizite schießen nach oben.
Lange Zeit hat die Politik die Gefahren ausgeblendet. Vor einigen Jahren hat sie allerdings begonnen, mit zahlreichen Reformen gegenzusteuern. Commerzbanker Solveen: "Viele Reformschritte gehen in die richtige Richtung. Wir müssen aber das staatliche Motto 'Fordern und Fördern' beschleunigt weiterentwickeln. In allen Bereichen der sozialen Sicherung werden sich die Bürger noch stärker selber beteiligen müssen. Diesen Weg müssen wir gehen, wenn unsere Sozialsysteme auch in den nächsten zwanzig Jahren finanzierbar bleiben sollen."
Beispiel Arbeitsmarkt
Hauptaufgabe am Arbeitsmarkt sei es, so Solveen, das geringere Arbeitskräfteangebot besser zu nutzen. "Eigentlich können wir es uns schon heute nicht leisten, dass arbeitsfähige Menschen nicht arbeiten. Es gibt genug zu tun. Und der Facharbeitermangel wird sich weiter verschärfen, wenn wir nicht gegensteuern." Die zentrale Frage sei daher, wie mehr Menschen in Beschäftigung gebracht werden könnten.
Auf der einen Seite müssten sich die Menschen im sich weiter verschärfenden weltweiten Wettbewerb behaupten können. Unabdingbar für eine breite Beschäftigtenbasis sei die Bildung, betont Solveen. Inzwischen hätte wohl jeder erkannt, dass die Qualifikation der Arbeitskräfte der Dreh- und Angelpunkt jeder Zukunftsstrategie sein müsse. "Nur mit qualifizierten Arbeitskräften wird Deutschland seine Position als eine führende Exportnation halten können."
Auf der anderen Seite müssten Anreize geschaffen werden, dass sie auch arbeiten. Die bisherigen Reformen und Nachbesserungen beim Arbeitslosengeld II ("Hartz IV") gingen in die richtige Richtung. "Diesen Ansatz müssen wir weiterentwickeln. Deshalb halte ich die aktuelle Diskussion über Zuverdienstmöglichkeiten für Hartz-IV-Empfänger für gut." Eine gute Balance aus staatlicher Zuwendung und privatem Zuverdienst sei volkswirtschaftlich wirksamer als beispielsweise generelle Mindestlöhne.
Beispiel Rente
Auch der in den vergangenen Jahren vollzogene Einstieg in eine kapitalgedeckte private Rente sei eine richtige Weichenstellung, so Solveen. "Die staatliche Rente mag sicher sein, ihre Höhe ist es nicht." Deshalb seien Modelle wie eine Basis- (Rürup-) und Riester-Rente der richtige Mittelweg aus 'Fordern und Fördern'. "Diese Modelle können für einen Ausgleich sorgen, wenn das Niveau der staatlichen Rente notgedrungen weiter fällt." Und um eine weitere Anhebung des regulären Renteneintrittsalters komme man wohl kaum herum.
Quelle: www.dresdner-bank.de
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