Neuausrichtung auch bei der Geldpolitik? 


Martin Hüfner, volkswirtschaftlicher Berater der österreichischen Vermögensanlagebank direktanlage.at, sieht eine Neuausrichtung in der internationalen Geldpolitik. Es gebe Indizien dafür, dass neben der Sparpolitik der Regierungen auch die Zentralbanken über eine Neugestaltung ihrer Maßnahmen nachdenken. Erste Zinserhöhungen auch in den Industrieländern noch im nächsten halben Jahr werden wahrscheinlicher.

"Es begann mit Australien, das die Sätze seit der Krise bereits vier Mal angehoben hat", sagt Hüfner. "Auch Norwegen war früh dran. Dann kamen Schwellenländer wie Indien, Indonesien, Brasilien oder China. Das alles hatte wenig mit uns zu tun. Jetzt aber hat Kanada seinen Leitzins um einen Viertel Prozentpunkt auf 0,5 Prozent angehoben."

Differenzen in den geldpolitischen Gremien von USA und EU



Dass die Geldpolitik den Exit aus der ultralockeren Geldpolitik machen müsse, sei klar, meint der Volkswirt: "Bisher wurde es jedoch nicht als so dringlich angesehen. Es gibt keine akuten Preisgefahren. In den USA spricht man eher von Deflation. Die Staatsschuldenkrise in Europa hat den Zeitpunkt des Exits noch weiter nach hinten verschoben. Die Mehrheit der Ökonomen rechnet damit, dass die Notenbankzinsen in den USA und in Europa frühestens im nächsten Jahr erhöht werden. Nur für die Schweiz mit seinen guten gesamtwirtschaftlichen Daten werden frühere Termine ins Auge gefasst."

Wer genau hingeschaut hat, könne allerdings in letzter Zeit ein paar Risse im Fundament der Konsensmeinung erkennen, so Hüfner: "Die Konjunktur läuft besser als viele das erwartet hatten. In diesem Jahr werden die USA und Japan um rund 3 Prozent wachsen, Europa um rund 2 Prozent. Die Aktienmärkte sind über Erwarten schnell und weit gestiegen. Die Rohstoffmärkte sind volatil." Und Hüfner sieht noch ein Indiz: "Es gibt ungewöhnlich viele Differenzen in den geldpolitischen Gremien. In den USA votierten zuletzt drei regionale Notenbankpräsidenten für eine Erhöhung des Diskontsatzes. In der EZB gibt es erheblichen Streit um die Käufe von Staatsanleihen."

Anleger: Monetäre Situation wird stabilisiert



Nachdem Kanada mit Zinserhöhungen angefangen hat, komme zuerst die benachbarte amerikanische Federal Reserve unter Druck, meint Hüfner. Als nächstes wäre die Schweiz an der Reihe. "Hier stehen die Ampeln ohnehin schon auf Gelb", sagt der Experte. "Die EZB wird die letzte sein. Im letzten Zyklus erhöhte die EZB ihre Sätze erst eineinhalb Jahre nach dem ersten Schritt der Federal Reserve. So groß wird der Abstand diesmal nicht sein."

Was bedeutet das alles für den Anleger? "Investoren sollten sich mit dem Gedanken anfreunden, dass es vielleicht doch früher als erwartet zu einem Kurswechsel der Geldpolitik kommt", sagt der direktanlage.at-Berater. "Es würde mich nicht wundern, wenn wir schon im zweiten Halbjahr erste Zinserhöhungen in den USA und in Europa sehen würden." Man könne aber davon ausgehen, dass die Notenbanken vorsichtig vorgehen werden. Keiner habe ein Interesse daran, neue Schwierigkeiten zu schaffen. "Aus langfristiger Perspektive ist es aber nicht so schlecht. Denn dann laufen wir nicht in neue Blasen hinein. Die Situation auf den Kapitalmärkten wird wenigstens aus monetärer Sicht etwas stabilisiert", meint Hüfner.

Quelle: www.direktanlage.at




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